Wilde 17 in Berlin

(Antrag/Antworten)
Die Geschichte der Wilde 17 begann Ende 2016 als sich eine Handvoll Nachbar*innen das erste Mal über nebenan.de traf, um das Projekt eines Gemeinschaftsgartens in direkter Nachbarschaft des Bahnhofs Gesundbrunnen zu starten. Mit Unterstützung des Quartiermanagements Badstraße und des Vereins Agrarbörse e.V. konnte der Bezirk überzeugt werden, uns eine Brachfläche in der Böttgerstraße zur temporären Nutzung bereitzustellen: Die Wilde 17 konnte entstehen.

Die komplett vermüllte Fläche wurde von uns bei winterlichen Temperaturen entrümpelt. Als ehemalige Abstellfläche für alte Autos war klar, dass wir nichts Essbares würden in den Boden pflanzen können. Also wurden Paletten und alte Fenster in der Nachbarschaft gesammelt, die uns als Baumaterial für die Hochbeete dienten. Die Kiez-Tauschbörse versorgte uns mit den ersten Gemüsesamen. Durch viele Hände und Köpfe entstand bis Sommer 2017 ein ganz besonderer Ort, an dem die Nachbarschaft zusammenkommen kann und man mit dem Kopf zwischen Pflanzen, Erde an die Finger bekommt.

Mit der Wilden 17 möchten wir in einem dichtbesiedelten Stadtteil einen Ort schaffen, wo wir als Menschen aus der Nachbarschaft zusammenkommen und gemeinsam gärtnern können. Viele von uns haben wenig Wissen darüber, wie Gemüse eigentlich wächst und wie Pflanzen und Insekten in Wechselwirkungen zueinander stehen. Gemeinsames Gärtnern ist praktischer Pflanzenkundeunterricht, der Respekt vor unserem Essen fördert und vor allem Spaß macht. Aber, was mindestens genauso wichtig ist, in einer Gesellschaft, in der die Schere zwischen Arm & Reich immer weiter auseinanderklafft und Parallelgesellschaften vielfach Normalität sind, wollen wir einen Gegenpol bieten, einen Ort, an dem wir einen gesellschaftlichen Querschnitt um die Beete, am Tisch und vor der Bühne versammeln, und so einen Austausch auf Augenhöhe ermöglichen.

Niedrigschwellige Eintrittsbedingungen sowie der Anspruch, dass jede Stimme gehört wird, sind uns dabei besonders wichtig. Unser Garten mitten im Kiez schafft nicht nur Biodiversität, sondern vor allem Berührungspunkte zwischen Menschen, die im Alltag so nicht zustande kämen. Die „Wilde 17“ versteht sich dabei als basisdemokratisches Experimentallabor. Die Individualität eines/r jeden Einzelnen findet Berücksichtigung in Diskussions- und Entscheidungsprozessen. Gesellschaftliche Diversität steht dabei als wertvolles Gut im Fokus, das im heterogenen Wedding erhalten und gegen Gentrifizierung und Ausgrenzung verteidigt werden muss. Deshalb gärtnern wir für die Gemeinschaft und vergeben Beete nicht zur privaten Nutzung. Mit unserem Erzeugten kochen wir gemeinsam; es gibt regelmäßig einen öffentlichen Brunch, auf dem selbst Geerntetes und gerettetes Essen vom Food Sharing geteilt wird. In dieser Gartensaison wollen wir mit Unterstützung von Quartiermeister Bier einen Pizzaofen bauen, der auch für die Nachbar*innen öffentlich sein wird.

Unser Projekt ist im Kiez vielfältig vernetzt und interagiert mit Theaterprojekten (AUCH), Schulen (Diesterweg Gymnasium), interkulturellen Vereinen (Salam) und anderen Treffpunkten (Lobe-Haus), weiteren Akteuren im Bildungssektor (Mädchenprojekt Mädea, Sprint) und Mediengestaltenden (Wiki-Wedding). Im letzten Jahr haben wir uns dem Nachbarschaftsverein Soldiner Kiez e.V. als Projekt angeschlossen, über den wir auch einen Vertrag zur jährlichen Nutzung mit dem Bezirk geschlossen haben.

Eine Förderung durch die Anstiftung unterstützt unsere Gartenaktivitäten in den nächsten Jahren durch die Renovierung unserer Beete und hilft uns konkret, das Gartenjahr 2020 zu realisieren, um die „Wilde 17“ als Nachbarschaftstreffpunkt und Ort für Urban Gardening zu erhalten.

Unsere laufenden Kosten (Steuern, Straßenreinigung, Müllabfuhr Wasser, Strom etc.) decken wir unserer Inklusionslogik folgend ohne regelmäßige Gebühren für die Gärtnernden, um wirklich allen Menschen eine Teilhabe zu ermöglichen. Dies erreichen wir über Spenden, Feste und punktuelle Unterstützung durch Fördermittelgeber. In der Vergangenheit haben wir Förderungen durch das Quartiersmanagement Badstraße, das Quartiermeister Bier und die Agrarbörse erhalten.

Das Geld für Garteninvestitionen ist somit notorisch knapp und wir versuchen, so viele Materialien wie möglich aus dem Kiez zu nutzen, sei es geschenktes Baumaterial über nebenan.de oder gefundenes Holz, was wir recyclen. Auf diese Weise können wir viele, aber leider auch nicht alle unserer Bedarfe decken.

Nach drei Jahren Nutzung sind unsere selbstgebauten 41 Hochbeete, unsere Kräuterpyramide mit zwei weiteren Beeten für Obststräucher und vielen Kräuterkästen sowie unser Gewächshaus mit vier weiteren Beeten sanierungsbedürftig. Wir müssen Erde nachfüllen und wollen auch gern noch zwei bis drei weitere Hochbeete neu bauen. Die genutzten Schrauben sind witterungsbedingt austauschbedürftig, genauso wie die Folien an vielen Beeten. Leider können wir Erde nicht über das Grünflächenamt bekommen; Versuche sind in der Vergangenheit gescheitert. Im letzten Jahr haben wir durch eine großzügige Spende Erde von unserem Nachbar*innen vom Lobe-Block erhalten, aber in diesem Jahr benötigen wir insbesondere in diesem Bereich Unterstützung. Da wir selbst keine Transporter haben, ist es für uns wichtig, dass wir einen Anbieter finden, der die Erde anliefert. So kann auch auf schädliche Plastiksäcke verzichtet werden.

Zudem würden wir gern samenfestes Saatgut kaufen, um zukünftig unser Saatgut sicher selbst nachziehen zu können. In den Anfangsjahren der Wilde 17 hat es uns zum Teil an Erfahrung gefehlt; zum Teil haben wir Spenden erhalten und wissen nicht in jedem Fall, ob das in den letzten Jahren verwendete Saatgut auch samenfest war. Um Probleme bei der Nachzucht zu vermeiden, wollen wir noch einmal neues Saatgut von einem professionellen Anbieter erwerben.

Darüber hinaus würden wir uns über Unterstützung im Bereich von Arbeitsgeräten freuen. Wir nutzen gemeinsam mit unseren Nachbar*innen vom Lobe-Block eine Schubkarre. Es hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass dies nicht immer ausreichend ist. Wir würden daher gern eine eigene Schubkarre anschaffen, die wir natürlich auch unseren Nachbar*innen zur Verfügung stellen würden. Für Bauaktivitäten hat uns zudem in der Vergangenheit eine gute Säge gefehlt. Wir haben, wenn möglich, Werkzeug privat ausgeliehen, aber die regelmäßigen Bautätigkeiten auf der Wilde 17 würde durch eine professionelle Kreissäge zusätzlich unterstützt. Die Säge würde auch unseren Nachbar*innen vom Lobeblock, unserem Trägerverein Soldiner Kiez, der ein Repair Cafe betreibt, und den Gärtnernden der Wilde 17 für andere Projekte zur Verfügung stehen. Um Diebstahl zu vermeiden, würden wir die Säge bei einem Mitglied oder im Lobe-Block lagern. Da die Kontakte zu unseren Partner*innen eng sind, wäre der Austausch problemlos möglich.

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  • Sie schreiben, dass es sich um eine temporäre Nutzung handelt: was genau bedeutet das? Wie lange läuft die Nutzungsvereinbarung, wie sind die Fristen?

Wir erhalten vom Bezirksamt nach Bezahlung der anfallenden Nutzungsgebühren (Steuern, Straßenreinigung) eine jährlichen Nutzungsvertrag. Im letzten Jahr haben wir vom Bezirksamt eine Perspektive für die Flächennutzung für die nächsten 5 Jahre zugesichert bekommen. 

  • Wie groß ist die Fläche?

Die Fläche ist 560 m2 groß.

  • Wie ist der Garten organisiert? Gärtnern alle gemeinsam oder gibt es (auch) individuelle Beete? Was passiert mit der Ernte?  

Wir sind in Beetgruppen organisiert. Dabei teile sich zwei bis vier Personen meist vier Hochbeete zur gemeinschaftlichen Bewirtschaftung. Darüber hinaus gibt es auch Leute in unserer Gruppe, die nicht gärtnern möchten und sich beispielsweise bei den Veranstaltungen einbringen. 

Die Ernte ist gemeinschaftlich. Das heißt, wir ernten und kochen regelmäßig gemeinsam und nutzen unsere Ernte auch für die öffentlichen Brunch-Sonntage zweimal monatlich oder Feste bzw. Veranstaltungen, die wir organisieren. 

  • Wie groß ist die Gruppe die gärtnert? Wie groß ist die Kerngruppe?

Wir sind in der Kerngruppe etwa 30 Leute, zudem gibt es viele weitere Unterstützer*innen, die regelmäßig zu unseren Veranstaltungen kommen. Im letzten Jahr hatten wir 28 Mitgärtnernde. Die Beetgruppen für dieses Jahr stehen noch nicht fest und sollen auch neu zusammenkommen, damit immer andere Leute zusammenarbeiten und sich so als Nachbar*innen kennenlernen. Zudem wollen wir auch diese Saison wieder aktiv in der Nachbarschaft werben, um weitere Mitgärtnernde zu finden.

  • Wie werden Entscheidungen getroffen und wie läuft die Kommunikation?

Wir haben in der Saison alle zwei Wochen einstündige Organisationstreffen, auf denen wir Entscheidungen mehrheitlich treffen. In der weniger aktiven Zeit organisieren wir so genannten Zukunftswerkstätten, bei denen wir uns länger treffen, um Planungen für das kommende Gartenjahr anzustellen. Vorbereitet werden Entscheidungen zudem in thematischen Arbeitsgruppen (Baugruppe, Gartengruppe, Kommunikationsgruppe etc.), die sich zu Einzelfragen treffen oder sich virtuell über den Chatdienst Telegramm abstimmen und aufbereitete Ideen dann der größeren Gruppe beim Organisationstreffen vorstellen. Zudem nutzen wir Telegramm und Mail, um uns zu kleineren Fragen ad hoc abzustimmen.