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Thüringens schönste Flecken: Mit der Straßenbahn ins „Paradies“

Der Interkulturelle Garten in Erfurt hilft Menschen aus Nah und Fern, Wurzeln zu schlagen

Der Hahn kräht, ein Pferd wiehert, aus Richtung Grillplatz kitzelt der Geruch von Holzkohle die Nase, die Windharfe klingt, die Hängematte wiegt sich leicht im Wind. „Paradies“ kam Nachbarn wie Gästen über die Lippen, sobald sie das Gelände in der Metallstraße 8 erforscht hatten. „Wenn alle das hier als ihr Paradies empfinden, dann soll es so sein, dann heißt es auch so“, sagt Karin Kowol und lächelt, wenn sie daran denkt, wie der Interkulturelle Garten in Erfurt zu diesem Namen kam, der irgendwie auch Programm ist. Zum Beispiel für den Jungen aus Syrien, der fast jeden Tag kommt. „Mein süßes Mädchen“, flüstert er und drückt ein schwarz-graues Kaninchen ganz fest an sich, vergräbt das Gesicht in dem weichen Fell. Sein erster Weg führt ihn immer zum Kaninchenstall, in dem es zwei der munteren Gesellen gibt. Er holt sie heraus und bringt sie zum Freiluftkäfig, schmust mit ihnen, versorgt sie. Dann geht es auf zum Nachbarn. Der hält auf dem unmittelbar ans „Paradies“ grenzenden Grundstück Pferde, Ziegen und andere Tiere, fachsimpelt mit dem Jungen, lässt ihn auch bei kleineren Handwerksarbeiten helfen. „Mitunter bietet er auch für unsere Gäste Führungen über sein Gelände und zu den Ziegen“, freut sich Karin Kowol, die Vorsitzende ist von „Ökonomie durch Ökologie – Verein zur Förderung einer Nachhaltigen Stadtentwicklung (ÖdÖ)“. Dieser Verein hat den Interkulturellen Garten bereits 2007 ins Leben gerufen, seinerzeit noch zwischen Hauptfriedhof und Tennisanlage im Erfurter Stadtteil Bindersleben. Wurzeln schlagen, Boden unter den Füßen gewinnen – eine ganz handfeste Möglichkeit dazu sollte der Garten sein für Migranten und Asylbewerber, die oft alles zurücklassen müssen: Familie, Freunde, Hab und Gut.

Am neuen Standort im Stadtteil Ilversgehofen ist das aktuell wie kaum jemals zuvor. Der kleine Syrer und seine Familie gehören zu den 20 regelmäßigen Besuchern ebenso wie eine weitere Familie aus Syrien, Menschen aus Peru, von den Philippinen, aus ­Eritrea. In Bindersleben hatte der Verein das Gelände von der Stadt gepachtet; der Garten wurde als soziales Projekt gefördert. „Die Haushaltslage jedoch wurde von Jahr zu Jahr unsicherer, so dass wir uns nach einer neuen Fläche umgeschaut haben“, erzählt Karin Kowol.

Diese fand der Verein bei den Malzwerken, man wurde sich schnell einig, denn beide Seiten profitieren. Das „Paradies“ kostet keine Pacht, dafür halten die Nutzer das Umfeld sauber, zum Beispiel den daran entlang führenden Fußweg. Ursprünglich war das Gelände eine Abstandsfläche der Malzwerke, ein Puffer zwischen deren Gerüchen und Geräuschen und dem Wohngebiet. Die Brache wurde schnell zur wilden Müllkippe, was ging, wurde flugs über den Zaun geworfen – das „Paradies“ hat dem ein Ende gemacht. Das brachte sogar Lob von den Nachbarn aus dem Rotlichtmilieu, die zunächst um ihr „Gewerbe“ in der Metallstraße gefürchtet hatten. Wie andere Anwohner nutzen auch sie die Öffnungszeiten des Interkulturellen Gartens, um aus der Nähe zu gucken, was dort passiert. Denn das „Paradies“ ist nicht Auserwählten vorbehalten: Zweimal pro Woche steht das Tor weit offen für alle, zudem werden mehrmals im Jahr Feste gefeiert oder Veranstaltungen angeboten. Dann kann jeder mit jedem ins Gespräch kommen und fachsimpeln, in die Hochbeete schauen, Selbst-Angebautes probieren, Einkaufsbeutel als Pflanzgefäße kennenlernen oder sich über die Anbauweisen informieren. „Wir nutzen traditionelle Methoden ohne künstliche Stoffe, wie Roggen als Gründünger oder die wechselnde Bepflanzung der Beete mit anspruchsvollen und weniger anspruchsvollen Pflanzen“, erklärt die stellvertretende Vereinsvorsitzende Renate Lützkendorf. Das gefällt auch dem Europäischen Laternenträger: Diese Zikadenart steht auf der Roten Liste Thüringens als vom Aussterben bedroht und hat im „Paradies“ eine Heimat gefunden. Die Fleckenbiene gehört ebenfalls zu den Insekten, die dort zu Hause, anderenorts aber selten anzutreffen sind. „Wir lassen viele Futterpflanzen stehen, um Insekten Raum zu bieten“, freut sich Renate Lützkendorf, dass auch diese Facette der Arbeit belohnt wird. Mit dem Einbruch der kalten Jahreszeit wechselt das „Paradies“ den Standort: Der Garten in der Metallstraße schließt die Pforten für die Öffentlichkeit, der „Interkulturelle Imbiss“ öffnet die Tore in den Räumen der Offenen Arbeit in der Allerheiligenstraße. Was im Garten angebaut wurde, kommt auf den Tisch, zubereitet nach Rezepten von Vereinsmitgliedern und Gästen, „garniert“ mit Kulturprogrammen aus aller Welt. Im Sommer geschieht das im Garten, es wird gegrillt oder über dem offenen Feuer gekocht. Es gibt im Interkulturellen Garten weder Strom noch fließendes Wasser, aber ein ausgeklügeltes Regenwassersammelsystem, bei dem das ausladende Dach der riesigen Lagerhalle und Wassertonnen die Hauptrollen spielen. „Wenn alle Tonnen gefüllt sind, können wir vier regenlose Wochen problemlos überbrücken“, sagt Renate Lützkendorf. Und wenn der Regen fällt, bietet die Lagerhalle Unterschlupf samt Sitzecke. Zu deutschlandweiter Berühmtheit haben es „Paradies“ und Metallstraße auch schon gebracht: 2013 gehörten sie zu den 10 Siegern beim Wettbewerb „Die schönste Straße Deutschlands“, ausgelobt vom Aktionsbündnis „Netzwerk Nachbarschaft“ und einer Baumarktkette. Das brachte zum einen den „Janosch-Oscar“ – ein Straßenschild, kreiert vom Kinderbuch-Autor Janosch – und 5000 Euro. Holz für die Hochbeete, eine große Leiter und einen Veranstaltungsabend hat der Verein davon finanziert: „Aber wir haben noch nicht alles ausgegeben“, sagt Karin Kowol. Damit die Tore des „Paradieses“ weiter offen bleiben, tragen die Mitglieder ihr Scherflein in Form des Vereinsbeitrages bei, es gibt immer wieder Geld- und Sachspenden und vor allem finanzielle Förderungen aus Programmen von Bund und Land. „Wir feiern allerdings keine Baumarkt-Orgien“, sagt die Vereinsvorsitzende und weist mit einem Schmunzeln darauf hin, dass viel gearbeitet, viel selbst gemacht und viel Ausrangiertes nutzbringend verwendet werde, was ja auch Sinn des Interkulturellen Gartens sei. Geld allerdings werden die „Gärtner“ bald doch mehr brauchen und haben es auch schon beantragt: Im „Paradies“ geht es kaum mehr ohne Dolmetscher. Denn gemeinsam mit anderen kümmern sich die Vereinsmitglieder und Gartengäste um die Flüchtlinge, die in der Gemeinschaftsunterkunft im Viertel leben. Dazu gehörte eine Tour durch den Stadtteil zu allen Anlaufstellen, die für Asylbewerber wichtig sind. Sie endete im Interkulturellen Garten mit Kaffee, ­Kuchen und einem neuen Mitglied: einer Dolmetscherin aus Syrien.

http://www.tlz.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Thueringens-schoenste-Flecken-Mit-der-Strassenbahn-ins-Paradies-1460839299