Otterndorf: IG entwickelt sich sehr gut

(Bericht und Antrag)

Gemeinschaftsgarten Otterndorf, der im letzten Jahr wieder viel Schwung bekommen hat. Wenn es sich über den Winter so hält, besteht die Gartengruppe nun aus zwei kolumbianischen Familien, zwei kolumbianischen Einzelpersonen, einer iranischen Familie, einer Person mit pakistanischem Pass  und 7 Aktiven mit deutschem Pass. Hinzu kommen zahlreiche Einzelpersonen aus afrikanischen und arabischen Ländern, die im letzten Jahr immer wieder bei der Gartenarbeit spontan mitgeholfen haben und zu denen wir auch jetzt im Winter auf Grund von Deutsch-Lern-Angeboten und unserem Neujahrsfest Kontakt behalten.

Nachdem wir im Herbst 2023 wie beschrieben ernsthaft überlegt hatten, den Garten ganz
aufzugeben, sind im Jahr 2024 durchgängig so viele Geflüchtete in den Garten gekommen wie schon
lange nicht mehr. Eine kolumbianische Familie sowie ein Mann aus dem Iran und eine weitere junge
Kolumbianerin haben regelmäßig einzelne Beete versorgt, und spontan gab es an jedem Samstag
helfende Hände.
Zunächst fand im Januar im Gemeindehaus der Kirche wieder ein sehr gut besuchtes internationales
Café statt (ca. 50 Personen) und zum internationalen Frauentag am 8. März in diesem Jahr zum
zweiten Mal ein erfolgreiches Frauenfest (ca. 80 Teilnehmerinnen). Diese Feste ermöglichten es in
der doch recht langen Garten-Winterpause, die Verbindung unter den Garten-Aktiven und auch den
Ehemaligen aufrechtzuerhalten.
Die eigentliche Garten-Saison begann dann mit drei Aktionstagen im April. Alle haben mitgeholfen,
die im Vorgarten abgeladene Komposterde, die wir mit Hilfe der Zuwendung durch die Anstiftung
bestellt hatten, in den Garten zu schaffen. Parallel wurde das Haus ausgeräumt und geputzt. An allen
3 Samstagen waren ca. 20 Personen aus 5 Nationen dabei, und alle hatten viel Spaß an der
gemeinsamen Arbeit.
Auch das Einsäen und Einpflanzen der vorgezogenen Gemüsepflanzen im Mai und Anfang Juni
wurde kollektiv umgesetzt, obwohl wir ja eigentlich in diesem Jahr die Verantwortung für die
einzelnen Beete bestimmten Personen zugeordnet hatten. Auf Initiative der Kolumbianer*innen
wurde in diesem Jahr auch Mais angebaut, der sehr gut gewachsen ist.
So kam es, dass sich bis Oktober ein fester Kreis von 10-30 Personen regelmäßig jeden Samstag im
Garten getroffen hat. Als im Sommer nicht mehr so viel Gartenarbeit anlag, setzten wir uns zu einem
Deutsch-Gesprächskreis zusammen, in den alle einbezogen wurden und sich deshalb die
verschiedenen Sprachgruppen mischen konnten. Es kamen auch immer wieder neue Interessierte
dazu, da wir eine Fahrradwerkstatt eröffnet hatten, die sehr viel genutzt wurde: Geflüchtete kamen,
weil sie ein Fahrrad haben wollten oder Hilfe bei der Reparatur brauchten – und dann blieben sie,
weil die Atmosphäre so einladend war. Die Fahrradwerkstatt wurde von einem Deutschen aus
unserer Gartengruppe und einem Mann aus Liberia gemeinsam betrieben
Höhepunkt war das Sommerfest im Juni, das wir zusammen mit einigen Kolumbianer*innen und
Liberianern vorbereitet und durchgeführt haben. Bei schönem Sommerwetter kamen fast 100 Gäste
in den Garten, darunter 40 gebürtige Deutsche, was uns besonders gefreut hat, weil es zeigt, dass
der Gemeinschaftsgarten mittlerweile bekannter ist. Eine Gruppe von West-Afrikanern sorgte mit
eigenen Rap-Stücken für Stimmung, 2 junge Kolumbianer*innen zeigten eine Tanzvorführung, arabi-
sche Frauen steuerten ihre Musik bei, und am Ende wurde bunt durchmischt auf der Terrasse getanzt.
Aufgrund der guten Komposterde (und auch weil die Bewässerung wegen der von der „Anstiftung“
finanzierten zusätzlichen Regentonnen gut geklappt hat), ist alles Gemüse gut gewachsen – mit
Ausnahme einiger Pflanzen, die dem Appetit von Kaninchen und Nacktschnecken zum Opfer gefallen
sind. So wurde dann auch ab August gemeinsam geerntet. Es gab immer etwas zum Verteilen, denn
einige Deutsche brachten zusätzlich überschüssiges Gemüse aus dem eigenen Garten mit.
Insbesondere die Kartoffelernte wurde im Gemeinschaftsgarten zu einem Happening, an dem alle,
vor allem auch die Kinder, begeistert teilnahmen. Jeder und jede konnte mit einem Sack voll
Kartoffeln nach Hause gehen. Im Oktober gab es dann zum Abschluss noch ein Erntefest mit der
üblichen Gemüsepfanne, zu dem trotz Regenwetters alle gekommen sind. In den kurzen
Regenpausen wurden die restlichen Äpfel gepflückt und zu einem großen Teil zu einer maschinellen
Entsaftung gebracht. Der Saft wird nun laufend zum Selbstkostenpreis an alle Gartenaktiven
abgegeben, was allerdings bei einem Einkommen aus dem Asylbewerberleistungsgesetz kaum
erschwinglich ist.
Im Oktober gab es zudem mit einer deutsch-kolumbianischen Gruppe einen Besuch im Museum für
gegenstandsfreie Kunst in Otterndorf. Der neue Museumsdirektor war an die Gartengruppe
herangetreten, um uns zu einer Führung einzuladen.
Die Grußadresse der stellvertretenden Samtgemeinde-Bürgermeisterin für das Frauenfest, das
Interesse von einigen Mitgärtner*innen aus dem Kleingartenverein, die hohe Beteiligung von
Deutschen an dem Sommerfest und auch die Einladung des Museumsdirektors zeigen, dass der
Gemeinschaftsgarten in unserer Region mittlerweile bekannt und anerkannt ist. Wir haben auch
eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet, in der interessierte Deutsche sich über die Aktivitäten des
Gartens und die Situation der Geflüchteten in der Samtgemeinde informieren können. Die Gruppe
hat mittlerweile 30 Mitglieder.
Ausblick 2025
Insbesondere auf Grund der verbindlichen Beteiligung einiger Kolumbianer*innen im letzten Jahr, zu
denen wir auch im Winter Kontakt haben, sind wir zuversichtlich, dass wir den Gemüseanbau im
Gemeinschaftsgarten auch im nächsten Jahr wieder aufnehmen können. Ein Problem ist die
Nacktschneckenplage. Wir planen deshalb, für besonders anfällige Pflanzen (Kohlrabi, Zucchini …)
Hochbeete anzulegen, und wir werden wegen der Kaninchen einige Beete mit Maschendraht
überziehen müssen. Das Gewächshaus aus Plastik werden wir voraussichtlich nicht wieder aufbauen.
Zum einen ist es wegen Sturmschäden an vielen Stellen geflickt, zum anderen ist das Raumklima darin
wegen schlechter Belüftung für die meisten Pflanzen, insbesondere Tomaten, zu feucht (Schwitz-
wasser). Wir wollen stattdessen versuchen, ein kleines Gewächshaus windgeschützt an einen
Schuppen anzubauen, denn im Freiland wachsen hier in Norddeutschland Tomaten nur sehr bedingt.
Da es trotz eigener Äpfel recht teuer ist, Apfelsaft pressen zu lassen, wollen wir im nächsten Jahr
wieder mal versuchen, den Saft selbst herzusstellen.
Die Fahrradwerkstatt und den Deutsch-Gesprächskreis werden wir in jedem Fall weiterführen.
Wir haben bei der Bundesstiftung „Demokratie leben“ Geld beantragt, um das Versammlungshaus
abzureißen und neu aufzubauen, denn es regnet dort rein, und da es aus giftigen Materialien besteht,
lässt es sich nicht so leicht abreißen bzw. nachhaltig reparieren. Es ist jedoch sehr unklar, ob wir die
dafür notwendigen Finanzmittel bekommen werden.
Ein weiteres Vorhaben ist ein Filmprojekt über den Gemeinschaftsgarten und den Austausch
zwischen den Kulturen aus den verschiedenen Perspektiven. Hierfür hat sich bereits eine Projekt-
gruppe gebildet mit ca. 12 Teilnehmer*innen aus 4 Nationen. Federführend beim Filmen werden 2
junge Menschen sein – eine Frau aus Kolumbien und ein Mann aus Burundi.
Für die Zeit vor der Gartensaison laden wir im Januar wieder zu einem internationales Café im
Gemeindehaus ein, eingeladen wurden wir zu einem weiteren Besuch wegen einer neuen
Ausstellung im Museum für gegenstandsfreie Kunst, und voraussichtlich wird es auch wieder eine
Veranstaltung zum internationalen Frauentag geben, was in diesem Jahr etwas schwieriger ist, da der
8. März mitten im Ramadan liegt.