Stadtacker Wagenhallen in Stuttgart ist bedroht

(Gu, Mail)
Offener Brief des Projekts:

STELLUNGNAHME DES STADTACKERS
ZUR INTERIMSOPER AN DEN WAGENHALLEN
– OFFENER BRIEF –
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kulturfreunde,
der Stuttgarter Zeitung vom 16.10.2018 haben wir entnommen, dass OB Fritz Kuhn
den Bau der Interimsoper auf dem Gelände gegenüber des Kunstvereins Wagenhalle
im Stuttgarter Norden favorisiert mit der Begründung hier ein „neues Kulturquartier
kreieren” zu wollen. Was die städtische Task Force unter Leitung von OB Fritz Kuhn bei
der Suche nach möglichen Standorten abhandengekommen zu sein scheint, ist, dass
sich auf dem anvisierten Gelände bereits eine florierende, mehrfach preisgekrönte
Subkultur über sechs Jahre entfaltet hat, die sie nun mit einem kurz-greifenden Ansatz
unwiederbringlich zerstören würde.
Bei der benannten Subkultur im „Kulturschutzgebiet” handelt es sich einerseits
um die Container-City, die noch im September mit dem renommierten Deutschen
Städtebaupreis, aufgrund ihrer Eigenschaft, eine „Schnittstelle zwischen
Ateliergemeinschaft und Stadtgesellschaft zu bilden”, ausgezeichnet worden ist
und andererseits um den Stadtacker Wagenhallen e.V., der im vergangenen Jahr
noch persönlich von OB Fritz Kuhn mit einem Preis des Stadtverschönerungsvereins
gewürdigt wurde.
Der Stadtacker ist ein soziales, interkulturelles Gemeinschaftsgartenprojekt zur
gärtnerischen Nutzung einer 2000m² großen einst ungenutzten Fläche im städtischen
Raum. Er stellt dabei eine Begegnungsfläche für einen Querschnitt der Stuttgarter
Stadtbevölkerung dar. Angefangen von Akademikern und Geflüchteten über junge
Familien bis hin zu Rentnern, treffen sich hier verschiedene Bevölkerungsgruppen
aus den unterschiedlichsten sozialen Hintergründen auf Augenhöhe. Für über 100
Stadtackernde ist er Experimentierfläche, der gemeinsam gestaltet, genutzt und
erhalten wird. Dabei bleibt das Gelände ein frei zugänglicher öffentlicher Raum.
Der Umgang mit der Natur und die nachhaltige Erzeugung von Nahrungsmitteln
stehen im Vordergrund. Gleichzeitig wird dort täglich eine Kultur des Miteinanders,
des Verständnis füreinander und der Toleranz gepflegt. Aus diesen Gründen wurde
der Stadtacker im April 2018 von den Vereinten Nationen, als vorbildliches Projekt
ausgezeichnet, welches die Themen „Biodiversität“ und „sozialer/gesellschaftlicher
Zusammenhalt“ verbindet.
1Darüber hinaus ist das Soziotop Stadtacker eingebettet in ein gewachsenes Netzwerk
von unterschiedlichen dort ansässigen Initiativen wie etwa dem Kunstverein
Wagenhalle, Fahrräder für Afrika, der Demeter-Imkerei Summtgart oder Foodsharing
und verzweigten Kooperationen zu öffentlichen Einrichtungen (z.B. Kita Rosenstein),
womit sich das Gemeinschaftsprojekt tief in das multikulturelle Nordbahnhofviertel
verwurzelt.
Der Gemeinschaft des Stadtackers ist es unerklärlich, dass die Stadt Stuttgart in einem
intransparenten Entscheidungsprozess unbedarft eine nachhaltige, sozio-kulturelle und
ökologische Subkultur einer Interimsnutzung opfert. Auch die erwähnte „gegenseitige
kulturelle Befruchtung” ist in diesem Vorschlag nicht realisierbar, denn die gewachsene
Subkultur vor den Wagenhallen müsste gleichzeitig weichen. Ärgerlich stimmt uns zudem,
dass hier Subkultur gegen Hochkultur gegeneinander ausgespielt wird, anstatt beiden
den notwendigen Raum zu geben und sie für das zu preisen, was sie sind.
Wir  als  Stadtacker  sehen  uns  weiterhin  als  festen  Bestandteil  einer  nachhaltigen,
ökologischen  und  sozio-kulturellen  Subkultur  im  Rosensteinquartier,  z.B.  im  Rahmen
der „Agenda Rosenstein“, und fordern deshalb entschieden einen sofortigen Stopp der
Planung der Interimsoper auf dem Wagenhallengelände.
Ihr Stadtacker