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Der Nabu Bremen und der sozial sehr engagierte Unternehmer Gerolf Wolpmann haben ein Gartenprojekt für Obdachlose in Bremen initiiert. In diesem Sommer wird zum ersten Mal geerntet.
Caro wässert die wilden Tomaten, während Marina die ersten Kohlrabi auf der „eigenen Scholle“ auf dem Gelände des Naturschutzbundes in Sebaldsbrück erntet. Der Nabu und der Unternehmer Gerolf Wolpmann haben das Projekt 2016 initiiert. (fotos: PETRA STUBBE)
„Das ist Erholung hier, das muss so sein“, sagt Kenny. Dabei muss sich der 39-Jährige mit der großen Astschere gerade richtig anstrengen, um die Pflaumenbäume auf dem Gelände des Naturschutzbunds (Nabu) von wild wucherndem Gestrüpp zu befreien. Kenny lebt seit 15 Jahren auf der Straße. Beim Gartenprojekt, das Gerolf Wolpmann zusammen mit dem Nabu initiiert hat, arbeitet er offensichtlich richtig gerne mit.
„Da sieht man mal was anderes als auf der Straße“, sagt der gepiercte Bremer mit den Dreadlocks und der Wollmütze. Und natürlich auch, dass man etwas geschafft hat. Das stärkt das Selbstwertgefühl der sechs Obdachlosen, die Wolpmann für die Teilnahme ausgewählt hat. Zuverlässigkeit war dafür ein entscheidendes Kriterium. Einmal in der Woche – jeden Mittwoch von 11 bis 14 Uhr – kommen sie zum freiwilligen Arbeitseinsatz nach Sebaldsbrück.
Freiwilligkeit steht im VordergrundEinige schon seit drei Jahren. In der Anfangsphase der Kooperation halfen die Obdachlosen beim Unkraut jäten, bei der Apfelernte oder beim Entrümpeln des Geländes. „Das war anfangs nicht regelmäßig, hat sich aber im Laufe der Zeit entwickelt“, sagt Sönke Hofmann mit Blick auf die ersten sporadischen Hilfseinsätze, die inzwischen in eine eigenverantwortliche Gartenpatenschaft gemündet sind. „Für uns war von vorn herein klar, wir wollen kein bestimmtes Maß an Leistung setzen“, betont der Nabu-Geschäftsführer. Da Freiwilligkeit beim Naturschutzbund eine große Rolle spiele, passe das Projekt gut ins Konzept, das allerdings zeitlich befristet laufe, bis der Nabu die Fläche für den Bau eines Seminarhauses benötige.
Zum ersten Mal ernten die Obdachlosen Obst und Gemüse von ihrer 300 Quadratmeter großen „Patenscholle“: Kartoffeln, Zucchini, Kohlrabi, Gurken, Erdbeeren, Tomaten, Blumenkohl und Bohnen wachsen in den schmalen, durch Hackschnitzel gegliederten Beetreihen. In einer Reihe sind orangefarbene Ringelblumen zu entdecken, und vor den fast drei Meter hoch gewachsenen Sonnenblumen gibt es sogar ein kleines Kräuterbeet. „Alles, was hier geerntet wird, ist für die Selbstversorgung gedacht“, betont Initiator Gerolf Wolpmann.
Auf die Mahlzeit mit neuen Kartoffeln freut sich Marina schon. „Vor allem auf die Kleinen, die hat Opa mir früher gemacht“, erinnert sie sich. Von ihren Großeltern hat die heute obdachlose Bremerin als Kind einges an Gärtnerwissen gelernt. Jetzt legt die 53-Jährige selbst Hand in „ihrem Garten“ gleich links hinterm Zugang zum Nabu-Gelände an. Mit einer Grabegabel holt Marina die ersten Erdäpfel aus dem Boden. Sie stöhnt, weil der Lehmboden so fest und diese Arbeit für die zierliche Person ein Kraftakt ist. „Das ist eine schöne Sache, selbst zu ernten“, sagt sie. „Und was zu viel ist, schenken wir dem Nabu.“
Praktisch als Dankeschön. Denn nicht nur das Areal, sondern ebenso die Gartengeräte und diverse Pflanzen, vor allem alte Sorten, stellt der Nabu laut Gerolf Wolpmann für das Gartenprojekt kostenlos zur Verfügung. Der Bremer Unternehmer, der seine Firma für Sicherheitstechnik und Brandschutz in Horn-Lehe betreibt, füllt die kleine Kasse.
Obdachlose dürfen sich Pflanzen aussuchenVon dem Geld kaufen die Obdachlosen Pflanzen auf dem Markt, die sie nicht selbst vorgezogen haben oder die nicht in der Nabu-Gärtnerei vorrätig sind, die sie aber gerne anbauen würden. Außerdem stellt Wolpmann teilweise auch durch seine Mitarbeiterin Jacqueline Pignon einen Fahrdienst aus der Innenstadt zum Nabu-Gelände in Sebaldsbrück sicher. Er hat außerdem eine Sitzgruppe aus Holz spendiert, auf der sich die Teilnehmer zur Pause treffen.
„Und bei Fragen hilft uns Rosa, die Gärtnerin vom Nabu“, berichtet Caro. „Sie gibt uns Tipps.“ Die sportlich wirkende Frau mit Zopf wird selbst von anderen angesprochen, weil sie recht gut Bescheid weiß, sogar über Schädlinge, und bei der Gartenarbeit planvoll vorgeht. „Wir müssen uns daran orientieren, dass wir nur einmal in der Woche hier sind“, erklärt Caro, die während ihrer Obdachlosigkeit kein Problem mit Alkohol oder Drogen hatte, inzwischen wieder einen festen Wohnsitz hat und auf dem besten Weg ist, sich aus der belastenden Lebenssituation herauszumanövrieren. Mehr Zeitaufwand sei von den Projektteilnehmern nicht gewollt, schiebt sie nach.
Als Beispiel dafür, dass auch relativ geringer Einsatz Früchte trägt, zeigt Caro auf die mit Vlies abgedeckten Beete. Darunter haben die Hobbygärtner zum Beispiel Blumenkohl gepflanzt. „Wir gießen die Setzlinge, und auch das Netz wird nass gemacht, das reicht eine Woche, weil das Vlies die Feuchtigkeit gut hält“, erklärt die Frau mit dem grünen Daumen, die durch das Projekt aufzublühen scheint und als einzige auch zwischendurch mal im Garten vorbeischaut. „Außerdem hält es Hitze ab, es wächst weniger Unkraut, und die Vögel kommen nicht an die Triebe.“
Bei dem warmen Wetter kommt die Kaffeepause gerade recht. Zwei Handvoll gelbe Zucchini und Kohlrabiknollen liegen bereits auf dem Tisch, an dem sich jeder bedienen kann. Dabei kommen die Obdachlosen miteinander ins Gespräch, tauschen sich auch über Probleme aus. Oft sitzt Gerolf Wolpmann mit am Tisch. Seit 25 Jahren unterstützt er weltweit Hilfsprojekte und kümmert sich seit etwa acht Jahren in Absprache mit der Inneren Mission persönlich um obdachlose Menschen in Bremen, hilft, wo er kann.
Projekt als Anregung für das weitere LebenDie Freude darüber, zu sehen, wie die sechs Obdachlosen durch das Gartenprojekt einen anderen Alltag erleben und sich relativ zuverlässig einbringen, steht ihm ins Gesicht geschrieben. „Wir wollen einzelnen Menschen, die ihr Leben zum großen Teil auf der Straße oder in Obdachlosigkeit verbringen, die Möglichkeit geben, in der Natur einer sinnvollen Beschäftigung nachzugehen“, begründet der Unternehmer sein persönliches Engagement und das des Nabu. „Die Obdachlosen bekommen vielleicht auch einfach Anregungen für ihr weiteres Leben“, hofft er.