(Gu, alerts)
FRANKFURT – Das Gelände ist fürs Gärtnern eigentlich gar nicht geeignet. 2500 Quadratmeter, teils asphaltiert, verkehrslärmlaut, mitten im dicht besiedelten Frankfurter Ostend. Überhaupt keine grüne Umgebung also. Und doch wird hier seit 2013 gesät, gepflanzt, geerntet. Der Frankfurter Garten, größtes hessisches Urban-Gardening-Projekt, hat sich an der Stelle etabliert, an der vorher ein Parkplatz war. In den Hochbeeten keimen Kräuter und Salat, wachsen Kohlrabi und rote Bete, einer hat Himbeersträucher gepflanzt. Fast 80 verschiedene Tomatensorten hatten sie im vergangenen Sommer. Sofort haben sie ein Tomatenfest gemacht.
„Urban gardening ist an vielen Orten ein Trend“, sagt Carolin Duss, die ehrenamtlich die Pressearbeit für den Verein macht. „Aber jeder Garten sieht anders aus. Das ist abhängig von den Menschen, die das machen.“
Die Menschen im Frankfurter Garten – etwa 60 regelmäßig Aktive – sind eine städtisch-bunte Mischung: Familien mit Kindern, Alleinstehende, Senioren, Studenten, Hartz-IV-Empfänger, Banker. Einer, erzählt Duss, kommt oft nach Feierabend die paar Schritte von der EZB herüber, um beim Harken und Gießen abzuschalten. Andere pflanzen Karotten und Kohl an, weil sie sparen müssen. „Und wenn jemand gar kein Geld hat, um Saatgut oder Setzlinge zu kaufen, gibt es immer jemanden, der ihm das schenkt.“
Das Soziale wird hier groß geschrieben, deshalb sind auch die Preise am Kiosk moderat. „Hier soll sich auch jemand, der Hartz IV bekommt, einen Kaffee leisten können.“ Andere Vereine oder Projekte, bei denen das Geld knapp ist, dürfen auf dem Gelände im Ostend Veranstaltungen machen. So etwas wie ein Flohmarkt, bei dem Mädchen Klamotten tauschen oder für kleines Geld weiterverkaufen, passt gut ins Konzept – es ist nachhaltig.
Verwenden, „was die Stadt nicht mehr braucht“, so steht es auf der Homepage des Frankfurter Gartens. Die Hochbeete etwa (die den Vorteil haben, dass sich beim Gärtnern keiner bücken muss) werden aus alten Paletten, ausrangierten Regalbrettern oder anderem Holz vom Sperrmüll selbst gezimmert. „Erst vor kurzem“, erzählt Duss, „haben uns zwei Herren von einem Restaurant ausrangierte Stühle vorbeigebracht.“ Die stehen jetzt zusammen mit einem Sammelsurium von Stühlen und Bierzeltgarnituren vor dem Kiosk. Im Sommer sind die Plätze gefragt, der Garten ist offen für alle, die bei (Apfel)Wein, Bier und Handkäsbrot chillen, Musik hören oder einen Film anschauen wollen. Der Ort hat seinen Reiz: mitten in Frankfurt, mit Blick auf das neue Hochhaus der Europäischen Zentralbank, und doch ein kleiner Kosmos für sich.
Der Kosmos dehnt sich neuerdings aus in die Stadt. In der Frankfurter City wachsen Sellerie und Salat aus einer Fassade, sie dürfen sogar geerntet werden. Die ungewöhnliche Bepflanzung sorgt bei Passanten für Irritationen, bisweilen für Belustigung und oft für Fragen.
Die Antwort ist einfach: Hier geht es um die essbare Stadt. Die bepflanzten Holzpaletten haben nicht nur einen praktischen Nutzen, sie sollen die Städter auch zum Nachdenken anregen: Wie werden unsere Nahrungsmittel produziert? Wie wollen wir uns ernähren? Wie wichtig ist uns Regionalität? Wie wollen wir in der Stadt miteinander leben? Das Ziel formuliert Duss so: „Wir wollen, dass Frankfurt grüner und nachhaltiger wird.“
Im „Zukunftspavillon“, zu dem die Fassade gehört, werden solche Themen diskutiert. Das Provisorium auf dem Goetheplatz, umringt von Bankentürmen, ist ein Ergebnis des Architektursommers Rhein-Main, mit dem die Stadt testen will, ob eine Bebauung das öde Riesen-Areal sinnvoll gliedern könnte.
Auch an anderen Stellen in Frankfurt hat der Frankfurter Garten Paletten mit Essbarem bepflanzt, um zu zeigen: Ja, wir können etwas tun, die Städter können ihre Stadt gestalten. Dass das nachgeahmt wird, freut die Gärtner. Gerade habe eine Schule angefragt, um sich beim Bepflanzen der Paletten helfen zu lassen.
„Bei vielem, was wir machen, steht am Anfang jemand, der sagt: Ich würde mal gern dieses und jenes ausprobieren“, erzählt Carolin Duss. Pilze züchten zum Beispiel, die knackfrisch verarbeitet werden und keine Weltreise hinter sich haben. Zusammen mit der Stadt war bald der geeignete Raum dafür gefunden: das Fischergewölbe unter der Alten Brücke. Früher diente es den Mainfischern als Garage für ihre Boote, zuletzt stand es leer. Auf 550 Quadratmetern wachsen dort seit einigen Monaten Champignons, Austernpilze, Kräutersaitlinge und Shiitake. Mit einer Ernte von mehreren Tonnen rechnen die Stadtgärtner in einigen Jahren.
Ob das wahr wird, weiß noch niemand. Denn der Frankfurter Garten ist ein Projekt auf Abruf. Der Vertrag für das Gewölbe läuft Mitte 2017 aus, der für das Areal am Danziger Platz schon Ende 2016. Dass die kostenlose Nutzung des Geländes (Nebenkosten zahlt das Projekt selbst) nicht unbefristet sein würde, war von Anfang an klar. Wenn eines Tages die Nordmainische S-Bahn gebaut wird, wird das Grundstück im Ostend gebraucht.
Aber bis dahin kann noch viel Wasser den Main hinunter fließen. Die urbanen Gärtner hoffen auf eine erneute Verlängerung des Vertrags oder auf ein Ausweichquartier. Allzu schwierig wäre ein Umzug nicht: Alles auf dem Gelände inklusive der Hochbeete ist mobil, könnte wieder verwendet werden und auf einem anderen Platz die Stadt ein bisschen grüner machen.
http://www.echo-online.de/lokales/rhein-main/gaertnern-und-utopie-gehen-beim-urban-gardening-hand-in-hand_16903531.htm (mehr …)