(Blog München – Querbeet, 31.7.)
Interview mit Silvia Gonzalez von Green City e.V.
Seit Anfang Juni dieses Jahres gibt es in München einen neuen Urban Gardening-Standort – die Essbare Stadt München am Rosengarten auf dem Gelände der Baumschule Bischweiler. Wie ist es zu dem Projekt gekommen und was ist sein Ziel? Wie ist das mitgärtnern und Ernten organisiert? Birgit Kuhn und Dr. Sofia Delgado, die Gründerinnen von mMenchen-querbeet.de, haben mit Silvia Gonzalez, die das Projekt bei Green City e.V. leitet, gesprochen.
M-Q: Anfang dieses Jahres hat die Grünen-Stadträtin Sabine Krieger in einem Antrag vorgeschlagen, in Münchner Parks und Grünflächen auch Nutzpflanzen anzubauen. Wie haben Sie es geschafft, dass die Essbare Stadt München bereits in dieser Gartensaison umgesetzt werden konnte?
Silvia Gonzalez: Das Konzept Essbare Stadt ist seit Jahren bekannt, sowohl bei den Gemeinnützigen Organisationen als auch bei der Politik und bei der Verwaltung. Ich persönlich war 2013 in Andernach, habe mir die Umsetzung angeschaut und mich mit den Initiatoren ausgetauscht. Seitdem haben wir von Green City aus versucht, auch so ein Projekt für München zu bekommen. Dank des Antrages von Frau Krieger ist es jetzt möglich gewesen.
M-Q: Wie haben Sie es geschafft, dass die Essbare Stadt München bereits in dieser Gartensaison umgesetzt werden konnte?
Silvia Gonzalez: Green City ist bei der Stadtverwaltung als ein kompetenter Partner mit langjähriger Erfahrung in Urban Gardening bekannt. Einer unserer Vorteile als Verein ist die Flexibilität und schnelle Reaktionsfähigkeit: mit unseren Netzwerken können wir sehr schnell Aktive und Mitglieder, aber auch AnwohnerInnen mobilisieren. Aus diesen Gründen konnten wir sehr schnell ein neues Gartenprojekt stemmen.
M-Q: Die Idee der „Essbaren Stadt“ stammt aus Andernach und wurde von Heike Boomgaarden und Lutz Kosack entwickelt. Arbeiten Sie nach denselben Prinzipien oder gibt es bei der Essbaren Stadt München Unterschiede zum Modell „Essbare Stadt Andernach“?
Silvia Gonzalez: Andernach versteht das Konzept „Essbare Stadt“ fast flächendeckend. In allen Parkanlagen, Grünstreifen, Seitenstreifen, an der Schlossmauer etc. überall sind Nutzpflanzen angebaut.
In München ist es erstmals ein Pilotprojekt, das auf einer kleinen Fläche ausprobiert wird. Wenn das Projekt erfolgreich ist, werden wir weitere Flächen in anderen Stadtteilen für eine Erweiterung vorschlagen.
In Andernach werden die Flächen von einer Beschäftigungsgesellschaft betrieben. So bekommen Arbeitslose nicht nur eine Beschäftigung, sondern eine Ausbildung zum Gärtnern. In München wird die kleine Fläche erstmals von AnwohnerInnen und Aktiven von Green City gepflegt.
M-Q: Was wollen Sie mit der Essbaren Stadt München erreichen bzw. den Bürgern bieten?
Silvia Gonzalez: Wir verfolgen mehrere Ziele. Ich habe sie in fünf Punkten zusammengefasst.
- Bürgerengagement für die eigene Stadt: Bürger garteln für Bürger und stellen die Ernte allen zur Verfügung. Gemeinschaftliche Interessen sind wichtiger als der Eigenprofit.
- Förderung des urbanen Gärtnerns: Die Stadt als Lebensmittelerzeuger. Lokale Erzeugung: Thematisierung von CO2-Bilanz in der Lebensmittelproduktion (Transportwege, Stromkosten in der Lagerung).
- Umweltbildungsprojekt: Stadtmenschen können nachverfolgen, wie unterschiedliche Gemüsesorten ausschauen und anwachsen. Wir wollen inspirieren: Es wird angeregt, im eigenen Balkon, im Innenhof etc. das erlernte umzusetzen und München ein Stück weit grüner zu machen.
- Soziale Kontakte in der Nachbarschaft werden verknüpft.
- Wir schaffen umweltschonende Freizeitangebote in der Nachbarschaft.
M-Q: Für die Essbare Stadt München wurde eine Fläche zur Verfügung gestellt, die abseits vom Trubel der Großstadt liegt und von der Straße kaum einsehbar ist. Warum?
Sililvia Gonzalez: Die Fläche auf der Baumschule Bischweiler hat viele Vorteile: Es ist eine wertvolle Anlage, die von den Besuchern sehr geschätzt ist und die für „ruhige“ Nutzungen in Anspruch genommen wird. Die Anlage ist von 20:00 bis 07:00 Uhr geschlossen. In Bezug auf Vandalismus ist es für ein zaunenloses Gartenprojekt optimal.
Außerdem dürfen Hunde nur an der Leine und durch die hohen Bäume und Hecken ist das Gemüse vor Abgasen geschützt.
M-Q: Die Essbare Stadt München ist vor wenigen Wochen gestartet. Wie ist die Resonanz bisher?
Silvia Gonzalez: Die Resonanz ist enorm gut. Innerhalb von 3 Wochen konnten wir schon ca. 50 Gießpatinnen aus der Nachbarschaft gewinnen, die sich regelmäßig am Projekt beteiligen möchten. Außerdem konnten wir ca. 100 weitere Interessenten gewinnen, die das Projekt unterstützen.
M-Q: Die Essbare Stadt München ist als öffentlicher Mitmach-Garten konzipiert. Wie und wann kann man mitmachen? Gibt es irgendwelche Voraussetzungen?
Silvia Gonzalez: Die Patinnen sind in Tagesgruppen von ca. 5 Personen organisiert, so dass auf jedem Fall jeden Wochentag jemand vor Ort ist. Innerhalb der Gruppe tauscht man sich aus, wer an dem Tag den Gießdienst übernimmt oder wenn man verhindert ist.
Es gibt auch „Sprechstunden“, bei denen jemand von Green City vor Ort ist und das Projekt erklärt, so dass man später selbstständig ist.
M-Q: Was wird bei der Essbaren Stadt München angebaut?
Silvia Gonzalez: Wir haben 32 Beete mit unterschiedlichen Gemüsepflanzen, 4 Kräuterbeete und ein Bonnentipi bepflanzt. Unter den Gemüsesorten findet man Mangold, Sellerie, Radi, Plücktsalat, Kürbis, Zucchini, Gurke etc. – alles samenfeste Sorten vom Bioanbau.
M-Q: Das Motto der Essbaren Stadt München ist „Pflücken erlaubt statt betreten verboten“. Wie ist das Ernten organisiert?
Silvia Gonzalez: Jeder ist eingeladen, ein wenig von der Ernte dieses neuen Projekts zu kosten. Da auf der kleinen Fläche keine großen Mengen zu erwarten sind, wird es nur eine kleine Kostprobe für jeden geben. Pflücken Sie bitte in Maßen und denken Sie an den Nächsten, der auch was probieren möchte. Pflücken Sie bitte die Früchte bzw. einzelnen Blätter (z.B. bei Salat und Mangold), reißen Sie bitte weder die ganze Pflanze, noch das Herz ab.
M-Q: Kritiker des Modells „Essbare Stadt“ führen das Argument an, die Anlage könnte durch Vandalismus beschädigt oder zerstört werden. Gab es bereits derartige Übergriffe auf die Essbare Stadt München?
Stangenbohnen
Silvia Gonzalez: Nein. Das Projekt wird hochgeschätzt und respektiert.
M-Q: Wie lange dauert die Gartensaison bei der Essbaren Stadt München?
Silvia Gonzalez: Die Gartensaison dauert, bis es friert (Ende Oktober, Anfang November). Dann wird alles ausgerissen und die Erde bearbeitet, um sie für den nächsten Frühling vorzubereiten.
M-Q: Gibt es Pläne, im kommenden Jahr das Modell Essbare Stadt München auf weitere Standorte in München auszuweiten und auch in Grünanlagen in der Innenstadt essbare Pflanzen anzubauen?
Silvia Gonzalez: Es wird davon abhängig werden, ob das Pilotprojekt gut ankommt (in Bezug auf der Beteiligung der BürgerInnen bei der Pflege und auf Vandalismus). Wir sind zuversichtlich, dass es klappen wird und sammeln auch schon Vorschläge von BürgerInnen für Flächen in anderen Stadtteilen, die wir der Stadtverwaltung präsentieren können.
M-Q: Wir danken Ihnen für das Gespräch!
Besucher und Mitgärtner bei der Essbaren Stadt München
Green City e.V.
Goethestr. 34
80336 München
http://www.greencity.de
Projektwebsite: www.greencity.de/essbare-stadt
(mehr …)