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Tiefrote Rosen, leuchtende Sonnenblumen und dazwischen akkurat aufgereihte Rüeblistauden und Lauchstengel: Der Schrebergarten ist für viele Städterinnen und Städter ein beliebter Ort, um einen Arbeitstag ausklingen zu lassen. Irgendwo steht meist der unvermeidliche Gartenzwerg, vielleicht weht eine Schweizer Fahne im Wind, vielleicht eine portugiesische, und neben dem Geräteschuppen wartet ein überdachter Gartentisch. Doch nun erhält das seit Jahrzehnten populäre Modell des Familiengartens Konkurrenz.
In Altstetten plant die Stadt Zürich auf einem Areal, das etwa sechs Fussballfelder misst, neue Hobbygärten. Allerdings nicht jene vom Typ Gartenzwerg und Gartenhäuschen: Etwa drei Viertel der Fläche sind sogenannte Fruchtfolgeflächen. Häuschen darf man darauf nicht aufstellen. Und die Idee der rot-grünen Stadtregierung ist auch eine andere: Hier sollen Gemeinschaftsgärten entstehen. Die Städterinnen und Städter sollen sich zu Genossenschaften zusammenschliessen und kollektiv gärtnern.
Beide buhlen um Land
Das ist weniger abenteuerlich, als es klingt: Im Rahmen des Urban-Gardening-Trends haben sich schon vor Jahren mehrere Gartenkooperativen gebildet, die Gemüseabonnemente für Städter anbieten. Neu ist, dass sich die Familiengärtner und die Gemeinschaftsgärtner als direkte Konkurrenten gegenüberstehen: Beide buhlen um städtisches Land, das immer knapper wird. Sei es beim Bau des Pfingstweidparks und -schulhauses, beim neuen Eishockeystadion oder bei der geplanten Grossüberbauung Thurgauerstrasse in Leutschenbach: Stets müssen bestehende Gartenareale weichen. Die Stadt will Ersatz bieten, aber immer weniger in Form von Familiengärten.
Verändert haben sich auch die Ressourcen, welche die Stadt bereitstellt. Früher wies man den Gärtnern einfach Restflächen zu, auf denen zuvor Schutt abgelagert worden war und die entsprechend mit Schadstoffen belastet waren. Heute lässt sich die Stadt das trendige Urban Gardening eine Menge kosten: 10,5 Millionen Franken steckt sie ins erwähnte Areal im Altstetter Dunkelhölzli. Zwar sind dort noch andere Erholungsflächen geplant, aber auch in die Gärten wird kräftig investiert. Ursprünglich hätten es sogar 12,8 Millionen sein sollen, was dem Gemeinderat aber zu viel war.
«Bünzli» und «Hipster»
Im Stadtparlament wurde hart gefeilscht um die begehrten Flächen, und zwar exakt entlang des politischen Links-rechts-Schemas. Die SVP nannte die Gemeinschaftsgärten sinngemäss eine Luxus-Kolchose, während die Grünen im Projekt eine «einmalige Chance für innovative Ansätze in der Gartenbewirtschaftung» sahen. Man ahnt es: Die einen lassen den Bünzli aufleben, der niemand anders an seinem grünen Glück teilhaben lassen will. Die anderen befürchten, die linken Hipster mit ihrer Planwirtschaft würden sowieso nichts Gescheites auf die Reihe bekommen und hätten nach einer Saison schon genug vom Gärtnern. Allerdings sind die Spiesse nicht gleich lang: Die Lobby der Gartenkooperativen ist im rot-grünen Zürich viel grösser und mächtiger als die der Familiengarten-Vereine.
In Altstetten hat die Stadtverwaltung nun nach langen Diskussionen zugesichert, dass beide Fraktionen zum Zug kommen sollen. Wegen der Fruchtfolgeflächen steht für die Familiengärtner allerdings nur ein kleiner Teil des Areals zur Verfügung.
In der Praxis werden die ideologischen Trennlinien dann hoffentlich wieder zerfliessen, und man wird Setzlinge oder Tipps über den Gartenzaun hinweg austauschen. Wer einen Blick auf die lange Warteliste des Familiengartenvereins Altstetten-Albisrieden wirft, der merkt übrigens rasch, dass sich dort auch viele junge «Urban Gardener» eingeschrieben haben, die – wenn überhaupt – eher ins Hipster- als ins Bünzli-Schema passen dürften. (mehr …)