Schlagwort: Stuttgart Inselgrün

  • Stuttgart: Inselgrün hat sich vergrößert und wird gefördert

    es ist immer noch Inselgrün, wir mussten zwar wiederholt umziehen und doch sind wir noch da uns sollen auch erhalten werden.
    Aktuell sind wir auch auf einem guten Weg zum essbaren Quartier, bzw. der ersten essbaren Strasse in Stuttgart.
    Sie sind FuturePoint der Stadt Stuttgart und werden vom Stuttgarter-Klimainnovationsfond und The Nature Conservacy auf dem Weg zum essbaren Quartier gefördert.
    https://jetztklimachen.stuttgart.de/klima-innovationsfonds-projekt-essbares-quartier

    Infos auch hier: https://www.stuttgart-meine-stadt.de/file/68b0399b6a889a12940ffaf2 (mehr …)

  • Stuttgart: Inselgrün hat sich vergrößert

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    […]

    Grau in Grau und viel Staub, der einem bei windigem Wetter in die Augen bläst. Bis auf die Kulturinsel im ehemaligen Zollamt, zurückgestutzt für die geplanten Straßen und doch, so wiederum die Stadt Stuttgart, „ein wichtiger Identitätsfaktor für das künftige Wohngebiet.“ Der neu gestaltete Vorplatz, der Marga-von-Etzdorf-Platz, wurde Ende November „mit einem nicht-öffentlichen Pressetermin“ der Öffentlichkeit übergeben. Auch hier: graue Fläche. Dem Stuttgarter Verschönerungsverein ist es zu verdanken, dass wenigstens ein paar Bäumchen gepflanzt wurden.
    Aber das Inselgrün, das mobile Urban-Gardening-Projekt, ist nun wieder näher an die Gebäude des alten Zollamts herangerückt, auf rund 600 Quadratmeter viermal so groß wie zuletzt. Frischer Mangold wächst schon wieder in den Pflanzkästen. Nur die regelmäßigen HelferInnentreffen können derzeit nicht stattfinden, was für den Umzug und die Pflege des frischen Grüns schon ein Problem wäre, wenn nicht die UnterstützerInnen von Prävent Sozial da wären, einer gemeinnützigen GmbH der Bewährungshilfe.

    Nun sind noch zwei Praktikanten von der Waldorfschule dazugekommen. Doch Swetlana Bytschkow, die mit Kulturinsel-Gründer Joachim Petzold die Sache managt, hofft, dass bald wieder kleine Treffen stattfinden können mit Sicherheitsabstand, versteht sich. Denn sonst wird es schwierig, die Gartenarbeit zu bewältigen: „Die Leute kommen schon und fragen: Wann ruft ihr an?“

    Nicht nur auf dem alten Parkplatz und im Hof, auch im Gebäude keimt es. Die Fensterbretter sind voll und die Fensterfronten lang. Tomatenpflänzchen ohne Ende, dazwischen ein kleiner 3-D-Drucker, der aus grünem, algenbasiertem und industriell kompostierbarem Material kleine Töpfe für ausgeklügelte Systeme des Vertical Gardening mit automatischer Bewässerung fabriziert. Kleingartenkolonie, Zaun und Vereinsmeierei waren gestern. Hier kann jede/r mitmachen und die innovativen Ansätze auch für den eigenen Balkon mit nach Hause nehmen. Was die Besucher gern tun.

    Der 3-D-Drucker verdankt sich der Expertise von Benoit Leleu, Spezialist für 3-D-Modelling und Compositing, also die Zusammenführung mehrerer Ebenen im Film. Es geht aber auch einfacher: In einem Online-Tutorial zeigt Leleu, wie man sich aus simplen Plastikflaschen einen vertikalen Garten basteln kann. Seit langer Zeit begeisterter Nutzer der Kulturinsel, hat er derzeit eine halbe Stelle im Rahmen des Reallabors Gartenleistungen. […]

    https://www.kontextwochenzeitung.de/schaubuehne/529/keime-des-neuen-7499.html (mehr …)

  • Inselgrün – Stand der Dinge

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    Inselgrün überlebt

    Von Dietrich Heißenbüttel

    Datum: 18.12.2019

    Das Urban-Gardening-Projekt auf der Kulturinsel in Stuttgart-Bad Cannstatt ist ein paar Meter weiter gezogen. Im Moment ist nicht viel zu sehen. Es ist Winter. Aber die Keime des Neuen sind gelegt. Nicht weniger als zehn städtische Ämter arbeiten mit.

    Joachim Petzold kann es noch gar nicht fassen. Am 4. Dezember hat er die Kulturinsel, in eigenen Worten „eine der wenigen übriggebliebenen Subkultur-Oasen der Stadt“, im Cannstatter Bezirksbeirat vorgestellt: „Alle Fraktionen haben sich positiv geäußert!“ Öfters mal in diesem Jahr stand Petzold kurz davor, alles stehen und liegen zu lassen und auf seinen Bauernhof in der Pfalz zu ziehen. Etwa als im Februar die alte Güterabfertigungshalle auf dem Kulturinsel-Gelände der Abrissbirne zum Opfer gefallen war – weil eine schnurgerade geplante Straße im zukünftigen Wohngebiet Neckarpark mit Blick auf den Rotenberg, Stammsitz der Württemberger, nicht verlegt werden konnte. Oder als die Bäume gefällt wurden.

    Doch im Grunde seines Herzens ist der Gründer und Geschäftsführer der Kulturinsel ein positiv denkender Mensch. Dass die Halle weg kam, das Urban-Gardening-Projekt Inselgrün nicht dort bleiben durfte, wo es war, dass eines Tages die Kulturinsel nicht mehr eine Insel auf einer Brachfläche sein wird, sondern im Häusermeer: er hat es akzeptiert und möchte das Beste daraus machen. Aber dann gab es Ende September erneut Ärger wegen der Lautstärke einer Open-Air-Veranstaltung, der „Jangala“. Und Petzold wusste noch immer nicht, wie es mit dem Inselgrün weitergeht. Das zermürbt.

    Doch er und seine MitstreiterInnen sind nicht untätig geblieben. Anfang September riefen sie Anhänger und Nutzer auf, sie mit Supportvideos zu unterstützen. 38 Videos wurden gedreht, von Initiativen wie Commons Kitchen und dem Hiphop-Netzwerk Underground Soul Cypher über Cannstatter Pfarrer, die Caritas und die Basler Mission bis hin zu Vertretern großer Unternehmen wie Bosch oder Dinkelacker. Auf der Kulturinsel treffen viele Menschen und Organisationen zusammen. Sie alle würden etwas verlieren, wenn es sie nicht mehr gäbe.

    Die Stadt passt auf, dass sich keine Eidechsen ansiedeln

    Doch bis Mitte Oktober war immer noch nicht klar, wo das Inselgrün denn nun hin sollte. Während Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) auf der Kulturinsel mit den Aktivisten von Fridays for Future diskutierte, stand der Garten gleich nebenan, wo noch Mangold und Blumenkohl reiften, vor dem Aus. Es gab eine Zusage, dass er an anderer Stelle wiederaufgebaut werden dürfe. Doch wo, das erfuhr Petzold erst zehn Tage, bevor das Areal abgeräumt sein sollte. Fünf volle Tage waren die Leute vom Stadtmessungsamt beschäftigt, erzählt er, um den neuen Standort, einmal quer über den Parkplatz, exakt auszumessen. Mindestens ein Jahr soll der Garten da bleiben, voraussichtlich eher drei.

    Was passiert, wenn die spontane Initiative von Bürgern auf die Gründlichkeit der Planung städtischer Behörden trifft: dafür liefert die Kulturinsel reiches Anschauungsmaterial. Anfang November gab es einen runden Tisch unter Federführung des Stadtplanungsamt, an dem nicht weniger als 15 Vertreter von sechs städtischen Ämtern beteiligt waren. Petzold begrüßt, dass es diesen runden Tisch gibt. Im Fall der Wagenhalle hat sich das Instrument bestens bewährt. Er begrüßt auch, dass nun das Jugendamt mit dabei war und in Zukunft auch das Kulturamt beteiligt sein soll. Denn das Liegenschafts-, Hoch- und Tiefbauamt haben für soziale und kulturelle Belange nicht unbedingt das beste Sensorium.

    Das Garten- und Friedhofsamt mitgerechnet, das kontrollieren soll, ob sich auf dem neuen Areal auch keine Eidechsen niederlassen, die dann der geplanten späteren Bebauung im Weg stünden; dazu noch das Umweltamt und das bereits erwähnte Stadtmessungsamt sind alles in allem zehn Ämter mit der Kulturinsel und dem Inselgrün beschäftigt. Sobald die temporäre Nutzung endet und das Areal und die Baulichkeiten für eine dauerhafte Nutzung hergerichtet werden sollen, gibt es auf einmal viele Vorschriften zu beachten. Zum Teil auch schon vorher.

    Kompost-Wärme nutzen

    Der neue Garten braucht einen Zaun. Das verlangt die Stadt, auch wenn er nur einige Jahre an dieser Stelle bleiben soll – eine Zusage gibt es bisher nur für ein Jahr. Der Zaun koste aber 16 000 Euro, sagt Petzold. Die kann und will er nicht zahlen. Er hat schon viel Geld in ein Chipsystem für die Schließanlage investiert, das den vielen Nutzern jeweils zu ihren Veranstaltungen die Türen öffnet. Wenn der Biergarten längerfristig in Betrieb bleiben soll, braucht er ein elektronisches Kassensystem. Auch das kostet. Nicht zu vergessen Brandschutz, Umweltschutz und was noch an Auflagen erfüllt sein will.

    Benoit Leleu macht sich in dem hallenartigen Anbau nützlich, der vorerst noch als Lagerraum stehen bleibt, später einmal jedoch einem mehrgeschossigen Neubau weichen soll. Leleu unterrichtet 3-D-Modelling an der Hochschule Esslingen. Er ist schon seit einiger Zeit auf der Kulturinsel aktiv, bekommt nun aber auch noch etwas Geld dafür. Denn im Mai ist das Reallabor GartenLeistungen angelaufen, an dem drei Urban-Gardening-Projekte sowie mehrere Hochschulen und Ämter aus Berlin und Stuttgart teilnehmen. Es geht darum, die „multidimensionalen Leistungen“ zu erforschen, die Urban Gardening in sozialer und ökologischer Hinsicht erbringt. Und daraus Handlungsempfehlungen für die Städte abzuleiten.

    Leleu schiebt die grüne Folie eines kleinen Gewächshauses zur Seite. Zu sehen sind kleine Töpfe mit abgeschnittenen Lauchstengeln. Sie bewahren die Wurzeln von Lauch und Süßkartoffeln den Winter über hier auf, erklärt er. Im Frühjahr schlagen sie neu aus. Tetrapack-Tüten liegen in einem Regal. Sie dienen als Pflanzbehälter. Unten im Gewächshaus steht ein eine Kiste mit Kompost, der die notwendige Wärme liefert. Leleu würde gern einen Biomeiler bauen. Bei der Gärung erhitzt sich der Kompost auf 60 Grad. Damit lässt sich ein Heizsystem betreiben.

    64 Pflanzen auf einem Quadratmeter: ein grüner Wasserfall

    Mehrere Helfer sind damit beschäftigt, die Materialien aufzuräumen, die nach Ende des Sommerfestivals „Stuttgart am Meer“ vor dem Stadtpalais hierher zurückgebracht wurden. Matu von der Künstlergruppe Madeplus macht gerade auf der Kulturinsel eine Ausbildung zum Marketingkaufmann. Leleu würde gern den blauen Container, der ungenutzt auf dem Parkplatz steht, zum neuen Inselgrün bringen, um ihn als Wassertank zu benutzen. Vorher müssen die Behörden aber genau nachsehen, ob sich darunter nicht etwa Eidechsen einnisten.

    Den Tank bräuchte Leleu für den „grünen Wasserfall“. Da das Inselgrün nun mit 188 Quadratmetern auskommen muss, wollen er und Petzold gern in die Höhe bauen. Eine mit Solarpanels betriebene Pumpe soll Wasser aus einem 1000-Liter-Tank zwei Meter hoch in vier Kanister pumpen. Feuchtigkeitssensoren steuern die richtige Wassermenge, um Pflanzen auf mehreren Regalbrettern zu bewässern. Im Hof der Kulturinsel sind auch bisher schon drei Systeme zu sehen, um auf engem Raum möglichst viel anzubauen. 64 Pflanzen auf einem Quadratmeter: wie das geht, möchte Petzold den Kulturinselbesuchern vermitteln, damit sie es auch auf ihrem Balkon daheim anwenden können.Im Moment hat Petzold allen Grund, zuversichtlich in die Zukunft zu schauen. Auf die Zusage für den neuen Standort folgte eine Auszeichnung vom Verschönerungsverein. Ende November ist er mit einigen Mitstreitern nach Berlin gefahren, um das Urban-Gardening-Projekt Himmelbeet im Wedding kennenzulernen, das ebenfalls am Reallabor GartenLeistungen beteiligt ist. Gleich anschließend war er im westfälischen Münster zur Konferenz „Zukunftsstadt“ des Bundesforschungsministeriums eingeladen. Keynote-Redner war der Stadtplaner Jan Gehl. Petzold hat das Inselgrün auf einem „Markt der Möglichkeiten“ vorgestellt und an Workshops teilgenommen.

    Schluss mit Zigarettenwerbung

    Dann kam die Bezirksbeiratssitzung, wenige Tage später ein Beteiligungs-Workshop, zu dem ungefähr 130 Bürger erschienen, und zu guter Letzt überreichte ihm die BW-Bank einen Scheck über 1500 Euro. Die Kulturinsel wird es brauchen können, vielleicht als Startkapital für den grünen Wasserfall. Und noch ist es nicht offiziell, aber es stand bereits in den „Stuttgarter Nachrichten“: dass die Kulturinsel im Doppelhaushalt des Gemeinderats mit einem jährlichen Zuschuss von 175 000 Euro bedacht werden soll. Damit wäre der weitere Betrieb gewährleistet. Denn wie bisher kann es nicht weiter gehen. Zum Jahresende löst Petzold seine Marketingagentur auf. Er möchte nicht länger Zigarettenwerbung machen, sondern als sozialer Unternehmer tätig sein.

    Und er hat große Pläne, die er nun zusammen mit der Stadt Schritt für Schritt umsetzen will. Dort wo jetzt der Anbau als provisorische Lagerhalle dient, soll der Hobbyhimmel hin: Eine 400 Quadratmeter große Quartierswerkstatt, wo Jede/r mit oder ohne Anleitung Ideen verwirklichen und kaputte Dinge reparieren kann. Der Biergarten soll bleiben und neuer Quartiersmittelpunkt des Gebiets Neckarpark und des Veielbrunnenviertels werden. Dazu braucht es ein Lärmkonzept, denn ein Bewohner der angrenzenden Häuser will keinerlei Ruhestörung tolerieren.

    Geplant ist auch deshalb ein zweiter Flügel auf der anderen Seite, wo bis Anfang des Jahres die Güterabfertigungshalle stand. Das Inselgrün soll dann aufs Dach dieses Gebäudes. Petzold hatte zuerst das Gelände in Erbpacht übernehmen wollen und auf Hilfe von Sponsoren gehofft. Doch nun will die Stadt selber bauen, sagt er. Ihm kann es recht sein, auch wenn er einen Teil seiner Verantwortung abgeben muss. In einen Bauteil vorn zieht das Stadtteilhaus ein. Damit der Hof nicht zu schattig wird, sollen Teile der Neubauten großzügig verglast werden. An der offenen Seite des Hofs sind Container vorgesehen, die als Lärmschutz dienen.

    Bis es soweit ist, können noch einige Jahre vergehen. Doch die Keime sind gelegt. Wenn der Frühling kommt, wird aus dem Wurzelwerk etwas Neues herauswachsen.

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  • Stadtacker und Inselgrün: sollen erhalten bleiben, doch wo ist ungewiss

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    Beim urbanen Gärtnern gedeihen nicht nur Kürbis und Petersilie, sondern auch Gemeinschaftssinn, Kultur und Bildung, verkündet die Stadt Stuttgart auf ihrer Website. Warum stehen dann die wichtigsten Urban-Gardening-Projekte vor einer ungewissen Zukunft?

    Die Kohlrabi in den Kästen wachsen prächtig, auch der Mangold. Die Tomaten sind noch grün, die Paprika und die Kürbisse noch nicht reif. Minze, Schnittlauch und weitere Kräuter gibt es reichlich. Ansonsten sieht das Inselgrün Anfang Juli bei brütender Hitze ein wenig trocken und verstaubt aus. Kein Wunder, rundherum ist Ödland, seit vielen Jahren.

    Als sich Stuttgart 2002 um die Olympischen Spiele bewarb, war der frühere Cannstatter Güterbahnhof für das olympische Dorf vorgesehen. Der damalige Oberbürgermeister Wolfgang Schuster kam zu spät zur Präsentation mit verknackstem Daumen, der Traum war ausgeträumt, nun sollte hier das Wohngebiet Neckarpark entstehen. Basierend auf 17 Jahre alten Gemeinderatsbeschlüssen, die nun endlich umgesetzt werden sollen. Und deshalb soll das Inselgrün hier weg.

    Inselgrün (links) und Stadtacker (rechts).
    Inselgrün (links) und Stadtacker (rechts).

    "Vorhang zu" heißt es hier wohl bald.
    „Vorhang zu“ heißt es hier wohl bald.

    Das Inselgrün ist das Herzstück der 2012 von Joachim Petzold ins Leben gerufenen Kulturinsel: eines der wichtigsten Urban-Gardening-Projekte in Stuttgart. Wichtig ist es nicht in erster Linie wegen des Gemüses, wichtig ist es als Freiraum, als soziales Projekt. Das sieht man: es gibt eine kleine Bühne, davor stehen Holzbänke und Tische und eine Tribüne. Einmal im Monat, das nächste Mal am 20. Juli, findet hier das Jangala statt – entspannte elektronische Musik zum Tanzen von 15 bis 22 Uhr. „Gemeinsam“, „Schwingung“, „Harmonie“ steht auf drei Schildern. 

    Zwar hat der Gemeinderat sich zu dem Urban-Gardening-Projekt bekannt. Aber da wo es ist, sollen die Baufahrzeuge für das Wohngebiet anrollen. Die Zufahrt zu verlegen, scheint der Stadt undenkbar. Ein Beschluss von vor 17 Jahren kann nicht noch einmal abgewandelt werden. Aber wo soll das Gartenprojekt hin? Hier ist es organisch gewachsen, direkt verbunden mit der Kulturinsel, mit den bunten Aktivitäten, die dort stattfinden. Jeder kann kommen und gehen wie er oder sie will, rund um die Uhr. Man kann vor oder nach den Veranstaltungen noch ein wenig Unkraut jäten, es gibt Wasser, ein paar Bäume und Sträucher schützen vor Sonne, Wind und Staub. Undenkbar, das irgendwo nach da draußen zu verlagern, wo es im Moment aussieht wie in der Trockensavanne.

    Wozu etwas aufbauen, das weg soll?

    „Respect the Location!“ steht auf einem Schild, „hier feiert ihr in einem wundervollen Nutzgarten.“ Das klappt ziemlich gut, Vandalismus hat es auf dem Inselgrün so gut wie noch nie gegeben. Es muss ziemlich viel gegossen werden. Jeden zweiten Sonntag ist Helfertreff, erzählt Hannah Becker, die in Freiburg Kulturanthropologie studiert und seit März auf der Kulturinsel ein Praktikum absolviert. Eigentlich hätten es nur sechs Wochen sein sollen, jetzt bleibt sie bis Ende Juli. Zehn aktive und regelmäßige Helfer sind wenig, meint sie. Wenn das Haus der Familie und die Caritas nicht einzelne Beete in Obhut genommen hätten, würde es noch trauriger aussehen. Immerhin kann sie von der Kulturinsel aus immer wieder mal nach dem Rechten sehen. Aber dass das Inselgrün nur noch diesen Sommer hierbleiben soll, bremst das Engagement. Wozu etwas aufbauen, das weg soll?

    Hannah Becker, Kulturinsel-Praktikantin.
    Hannah Becker, Kulturinsel-Praktikantin.

    Hannah Becker meint, es könnte besser organisiert sein: wenn die Verantwortlichkeiten klarer geregelt wären. Aber das Inselgrün ist vor allem ein soziales Projekt. Schulklassen, demente Senioren, Jugendliche auf der Suche nach einer Lebensperspektive, die Daimler-IT-Tochter, die hier ihren Social Day veranstaltet, Anwohner aus dem benachbarten Veielbrunnenviertel, Migranten und Flüchtlinge: beim Urban Gardening kommen alle zusammen. Es gibt nichts, was besser geeignet wäre, den sozialen Zusammenhalt zu stärken. Und es gibt im großen und bunten Stadtteil Cannstatt kein zweites solches Projekt.

    Seit April ist das Inselgrün Teil des Forschungsprojekts GartenLeistungen. Nach dem Prinzip eines Reallabors sollen praktische Versuche mit wissenschaftlicher Begleitung durchgeführt werden. Unter Federführung des Berliner Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung suchen zwei Universitäten, die Stadt Stuttgart und die Umlandentwicklungsgesellschaft Terra Urbana nach dem vielfachen Nutzen des Urban Gardening. Ihre Versuchsfelder sind das „Himmelbeet“ in Berlin-Wedding und das Inselgrün. Nur: welche „vieldimensionalen Leistungen“ kann ein Projekt erbringen, das vor einer unklaren Perspektive steht?

    Ein Migrant hat die größten Himbeeren – für alle

    Auch der Stadtacker ist ein soziales Projekt. Doch hier stehen nicht Veranstaltungen und soziale Programme, hier steht das Gärtnern selbst im Mittelpunkt. Etwa 100 Personen ackern auf dem ungefähr 4000 Quadratmeter großen Gelände zwischen dem Containerdorf der Wagenhallen-Künstler, den Containern, in denen die Stuttgart-21-Bauarbeiter wohnen, und dem Pragfriedhof. Sie kommen ungefähr zur Hälfte aus der näheren Umgebung, die anderen von weiter weg und arbeiten zum Teil auf eigenen Parzellen, zum Teil aber auch gemeinsam. Ein Migrant hat die größten Himbeeren. Er bietet allen davon an. Ein kleines Paradies.

    Elisa Bienzle hält ein wenig die Fäden in der Hand. Man kann nicht sagen, dass sie den Stadtacker leitet, es gibt keine Chefin, es ist ein selbst organisiertes, sich selbst organisierendes Projekt. Aber Selbstorganisation heißt nicht, dass alles einfach von selber passiert, jemand muss es in die Hand nehmen. „Wie kann man das Engagement fördern und steigern“, fragt Bienzle. Immer am ersten Sonntag im Monat um 15 Uhr gibt es ein Nutzertreffen. Da bringen Viele ihre Ideen ein. Bienzle fragt dann gleich nach: Was braucht man dazu? Wer ist bereit, die Verantwortung zu übernehmen?

    Stephan Gerdes zum Beispiel kommt von außerhalb Stuttgarts. Auf den Stadtacker stieß er, weil er einmal ein paar Pflanzen übrig hatte, die er weitergeben wollte. Doch dann hat es ihm so gut gefallen, dass er immer wieder kam. Von ihm stammt die Idee mit der Kräuterspirale. Von Steinen begrenzt, windet sich nun ein kleiner Hügel mit Küchenkräutern bergan: unten die, die es gern feucht mögen wie Brunnenkresse; dann fünf oder sechs Minzsorten; oben Mittelmeer-Pflanzen wie Thymian oder Lavendel. Sogar ein Ingwer ist dabei, die Wurzel hatte ausgeschlagen, da hat Gerdes sie einfach mit eingesetzt.

    Stadtacker-Mitorganisatorin Elisa Bienzle.
    Stadtacker-Mitorganisatorin Elisa Bienzle.

    Jeden Tag passiert etwas. Einer will Weinstöcke holen, für einen Torbogen. Bienzle sagt, er soll sich die Rechnung geben lassen, ein bisschen Geld sei da. Am einen Ende gibt es ein Feuchtbiotop, am anderen 13 Bienenstöcke. Es gibt aber auch Wildbienen. Kürzlich war ein Biologe da, erzählt Gerdes, der im Auftrag der Stadt eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchführt. Er war überrascht: So viele Wildbienen habe er in Stuttgart noch nirgendwo gesehen.

    Die Umweltverträglichkeitsprüfung wird durchgeführt, weil die Absicht besteht, das Operninterim an die Stelle des Stadtackers zu setzen. Zwar hat der Stadtacker schon viele Preise erhalten: den Umweltpreis der Stadt, zwei vom Verschönerungsverein, einen vom Land und zuletzt als offizielles Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt. Und das Wagenhallenquartier soll ein Projekt der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027 werden, einschließlich des Stadtackers, auch nach Auskunft der Stadt. Aber ein Opern-Interim braucht Platz. Viel Platz. Die Stuttgarter Oper hat nach eigener Auskunft 1364 Mitarbeiter und 1404 Zuschauerplätze. Bisher haben die Staatstheater nicht erkennen lassen, dass sie bereit wären, für das Interim auf irgendetwas zu verzichten.

    Man muss sich das vorstellen: Ungefähr 100 Künstler sind an der Wagenhalle aktiv, 100 Hobbygärtner im Stadtgarten. Abend für Abend würden weit über tausend Opernbesucher das Containerdorf durchqueren, wenn sie von der nächstgelegenen Straßenbahnhaltestelle Pragfriedhof kommen. Vor der Sanierung der Wagenhalle gab es kontroverse Diskussionen, ob die Parkplätze für den Kulturbetrieb ausreichen. Nun sollen mehr als doppelt so viele Besucher auf das Gelände strömen, aber Parkplätze sind kein Thema.

    Eine vergiftete Gesellschaft braucht urbanes Gärtnern

    Wenn der Stadtacker von seinem jetzigen Standort weichen muss, sagt Elisa Bienzle, müsste er noch einmal ganz von vorn anfangen. Alles was hier, wortwörtlich wie im übertragenen Sinne, gewachsen ist, müsste weg: die Himbeeren, die Wildbienen, die Kräuterspirale, das Feuchtbiotop. Alles ist in den letzten sieben Jahren entstanden, außer einer riesigen Weide, unter deren herabhängenden Zweigen, von der Außenwelt abgeschirmt, die Versammlungen stattfinden. Ein einzigartiger Ort.

    Auf dem Areal stand einmal ein Eisenbahn-Ausbesserungswerk. 2012 wurde es dekontaminiert, also mehrere Meter tief abgegraben. Mit dem Architekturfestival „72 Hours Urban Action“ begann das Urban Gardening. Der Stadtacker arbeitet nicht mit Kunstdünger. Alles ist biologisch. Es kommt auf die Fruchtfolge an, aber auch auf die Nachbarschaften. Zwischen den Pflanzen, aber auch zwischen den Menschen. Ein Geben und Nehmen.

    Eben deshalb sind Urban-Gardening-Projekte ein Modell für die ganze Gesellschaft, ein Modell der Ökologie, aber auch der Demokratie. Genau das, was eine in vielfacher Hinsicht vergiftete Gesellschaft am meisten benötigt. Wenn es allerdings nach Bauvorschriften und Grundstückswerten geht, nach fest zementierten Gemeinderatsbeschlüssen oder mächtigen Flächenkonkurrenten, stehen sie auf verlorenem Posten. Deshalb benötigt Urban Gardening einen besonderen Schutz. Die Stadt Stuttgart muss sich entscheiden.

    Und das scheint ein äußerst schwieriges Unterfangen zu sein. Nach neun Tagen und mehrfachem Nachfragen lässt Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) antworten. Die beiden Projekte Inselgrün und Stadtacker sollen „weiter bestehen bleiben und nicht verschwinden“, teilt die Pressestelle mit. Ob sie ihre Standorte verlassen müssen und wo sie dann hinsollen, sagt sie nicht. Zum Inselgrün heißt es lediglich, es gebe Überlegungen, „wie man in der Sanierungs- und Umbauphase die Flächen nutzen kann“. Beim Stadtacker sei „man noch in Gesprächen“.

    https://www.kontextwochenzeitung.de/schaubuehne/433/vertreibung-aus-dem-paradies-6061.html

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